Zeitgeschichtlicher Kontext

Am 10. Mai 1940, einen Monat bevor Anne Frank in Amsterdam ihren 11. Geburtstag feierte, überfiel Nazi-Deutschland  das kleine, neutrale Königreich der Niederlande. Der deutsche Überfall bedeutete für die Bevölkerung einen schweren Schock. Hunderte Menschen, unter ihnen zahlreiche jüdische Bürger, begingen Selbstmord. Bereits am dritten Tag der deutschen Invasion hatte die niederländische Königin Wilhelmina an Bord eines englischen Kriegsschiffes das Land verlassen. Auch der Ministerpräsident und das gesamte Kabinett folgten diesem Schritt. Die Menschen reagierten auf die Flucht der Königin und des Kabinetts empört und enttäuscht. Erst später wuchs die Einsicht, dass die Entscheidung notwendig gewesen war. Hitler selbst nutzte das am 13. Mai 1940 entstandene Machtvakuum, um rasch eine deutsche zivile Verwaltung, das «Reichskommissariat Niederlande», zu etablieren.

Das anfänglich zurückhaltende Auftreten der deutschen Soldaten und die zunächst ausbleibenden Verhaftungen von Juden und «politischen Gegnern» beschwichtigte die Holländer zunächst. Doch nach der fehlgeschlagenen Invasion Englands enthüllte die Besatzungspolitik mit der Zeit ihr wahres Gesicht. Im Februar 1941 legten Beschäftigte der Amsterdamer Verkehrsbetriebe, Arbeiter aus der Metallindustrie und dem Schiffbau als Reaktion auf die Deportation von 400 jüdischen Männern ihre Arbeit nieder. Der Aufstand wurde blutig niedergeschlagen.

Kurz darauf entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit zwischen der niederländischen Behörden mit der nationalsozialistischen Besatzungsmacht. Die Justiz und die Polizei waren von dieser Kollaboration nicht ausgeschlossen.

Ausgrenzung aus allen Lebensbereichen

Die beiden einschneidendsten Ereignisse der Nazi-Herrschaft in den Niederlanden war, wie in den meisten europäischen Staaten, die Deportation und Ermordung der Juden sowie die zwangsweise Verschleppung von Männern und Frauen zum Arbeitseinsatz nach Deutschland. 

Die Verfolgung der Juden in den Niederlanden begann zunächst auf administrativem Wege. Im Januar 1941 wurde in einer statistischen Erhebung die genaue Zahl der in den Niederlanden lebenden Juden ermittelt: Es waren damals exakt 140245 Personen. Die Mehrzahl von ihnen (ca. 118000) waren niederländische Staatsbürger, hinzu kamen etwa 15000 deutsche Flüchtlinge, sowie ungefähr 7000 Staatsangehörige anderer Nationalität. Neben diesen, im Rassenjargon des Nazi-Regimes genannten, «Volljuden» gab es noch etwa 20000 so genannte «Mischjuden» (Personen, die weniger als zwei jüdische Grosseltern besassen oder die in einer deutsch-jüdischen «Mischehe» lebten). Unmittelbar betroffen von den anti-jüdischen Massnahmen der Besatzungsmacht war aber zunächst die grosse Gruppe der etwa 140000 «Volljuden». Die Ausgrenzungen beschränkten sich nicht nur auf die berufliche und wirtschaftliche Sphäre: Im Januar 1941 wurde allen Juden der Besuch von Kinos verboten und es tauchten die ersten Plakate und Hinweise auf, die ihnen den Eintritt zu öffentlichen Institutionen (wie Museen und anderen kulturellen Einrichtungen) untersagten.

Den administrativen und sozialen Repressionen folgten schon bald die ersten physischen Gewaltmassnahmen gegenüber den Juden in den Niederlanden. Zur gleichen Zeit kam es in Amsterdam zur Bildung eines Jüdischen Rates. Der Rat galt als Sprachrohr für die Probleme der etwa 80000 Amsterdamer Juden gegenüber den deutschen Behörden. Für die Besatzer war er ein Instrument  zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Alle Juden waren nun gezwungen, ihr gesamtes Vermögen einem Bankinstitut zu übertragen; lediglich 250 Gulden durften dem Einzelnen zur Verfügung stehen. Zugleich schränkte die Besatzungsmacht die Bewegungsfreiheit der jüdischen Bevölkerung beinahe vollständig ein: Juden mussten ihre Fahrräder abliefern, sie durften keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzen, konnten nur noch zu bestimmten Stunden in besonderen Geschäften einkaufen und hatten von acht Uhr abends bis sechs Uhr morgens in ihren Wohnungen zu bleiben.
Anfang Juli 1942 erhielten etwa 4000 vorwiegend in Amsterdam lebende Juden eine schriftliche Aufforderung von der «Zentralstelle für jüdische Auswanderung», einer Abteilung der Gestapo: Die Angeschriebenen sollten sich umgehend «zur eventuellen Teilnahme an einem unter polizeilicher Aufsicht stehenden Arbeitseinsatz in Deutschland zwecks Aufnahme persönlicher Angaben einer gesundheitlichen Untersuchung im Durchgangslager Westerbork, Bahnstation Hooghalen» einfinden.

Deportationen ins Konzentrationslager Auschwitz

In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli verliess ein erster Zug mit 962 Juden den Amsterdamer Hauptbahnhof mit Ziel Hooghalen/Westerbork. Doch Westerbork war nur ein Zwischenaufenthalt. Die Endstation der Güterzüge war das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Bis Ende Februar 1943 fuhren 49 Transporte mit 46455 Juden aller Altersgruppen nach Auschwitz. Bis zum 1. Oktober 1943 waren bereits 86000 jüdische Männer, Frauen und Kinder nach Auschwitz und Sobibor sowie weitere 2000 nach Mauthausen, Buchenwald und Ravensbrück deportiert worden.

Von den insgesamt 107000 aus den Niederlanden deportierten Juden überlebten nur etwa 5000 Menschen die deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager. Weitere ca. 20000 bis 25000 Juden, vor allem jüngere Menschen, tauchten innerhalb der Niederlande unter und vermochten so, unterstützt von mutigen nicht-jüdischen Helfern, die Zeit der Verfolgungen zu überleben.

Dreiviertel aller Juden wurden ermordet

Nur wenige Juden waren während des Zweiten Weltkriegs, untergetaucht, wie dies die Familie Frank getan hatte. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung wähnte sich in Sicherheit, weil sie sich als «integriert», «gleichwertig» und als «vollwertige Holländer»  betrachteten. Mehr als 75 Prozent der jüdischen Vorkriegsbevölkerung wurde dieses trügerische Gefühl zum Verhängnis, sie überlebte nicht die deutsche Todesmaschinerie.

Aus Gerhard Hirschfeld: «Das Tagebuch der Anne Frank – der historische Hintergrund»

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Weiteres über die Franks

Geschichte der Familie Frank

Die Wurzeln der Familie von Anne Frank führen in die Judengasse in Frankfurt. Zu deren Bewohnern gehörten im 15. Jahrhundert auch die Familien Stern und Cahn, direkte Vorfahren von Anne.

Biografien

Otto und Edith Frank-Holländer heirateten 1925 in Frankfurt. Sie bekamen zwei Töchter: Margot (1926) und Anne (1929).

Familienalbum

Das Familienalbum zeigt Ausschnitte aus dem Leben der Familie Frank.