Der Schutzengel (22. Februar 1944)

Es wohnten einmal vor sehr vielen Jahren am Rande eines grossen Waldes zwei Menschen, eine alte Frau und ihre Enkelin. Die Eltern des Mädchens waren gestorben, als es noch sehr klein war, und seine Grossmutter sorgte immer sehr gut für es. Es war ein einsames Häuschen, in dem die beiden lebten, aber sie empfanden das nicht und waren immer glücklich und zufrieden zusammen. Eines Tages konnte die alte Frau morgens nicht aus ihrem Bett aufstehen, weil sie überall Schmerzen hatte. Ihre Enkelin war damals schon vierzehn Jahre alt und pflegte ihr Grossmütterchen so gut sie konnte. Es dauerte fünf Tage, dann starb die Grossmutter, und das Mädchen war ganz allein in dem einsamen Haus. Da sie so gut wie keinen Menschen kannte und auch kein Bedürfnis hatte, jemanden zu holen, um ihre Grossmutter zu begraben, grub sie selbst ein tiefes Loch am Fusse eines alten Baumes im Walde und legte ihre Grossmutter dort hinein. Als das arme Mädchen wieder nach Hause kam, war es völlig verlassen und traurig; es legte sich auf sein Bett und weinte schrecklich. So blieb es den ganzen Tag liegen, und erst am Abend stand es auf, um etwas zu essen. So geschah es Tag für Tag; das arme Kind hatte zu nichts mehr Lust und trauerte nur im stillen um seine liebe Grossmutter. Dann geschah etwas, das es in einem Tag völlig veränderte. Es war Nacht, und das Mädchen schlief, als seine Grossmutter plötzlich vor ihm stand; sie war ganz in Weiss gekleidet, ihre weissen Haare hingen auf ihre Schultern, und sie hatte ein kleines Lämpchen in der Hand. Das Mädchen sah von seinem Bett zu ihr hin und wartete, bis die Grossmutter zu sprechen begann. «Mein liebes Mädchen», begann die Grossmutter, «ich sehe nun schon vier Wochen lang jeden Tag nach dir, und niemals sehe ich dich anders als weinend und schlafend. Das ist nicht gut, und ich bin nun zu dir gekommen, um dir zu sagen, dass du arbeiten musst und spinnen, du musst unser Haus in Ordnung halten und dich auch wieder schön kleiden Du darfst nicht denken, dass ich, da ich nun tot bin, nicht mehr um dich besorgt bin; ich bin im Himmel und schaue immer auf dich herab. Ich bin dein Schutzengel geworden und bin ganz wie früher immer bei dir. Nimm deine Arbeiten wieder brav auf und vergiss nie, dass deine Grossmutter bei dir ist ». Dann verschwand die Grossmutter wieder, und das Mädchen schlief weiter. Am nächsten Morgen jedoch, als es erwachte, erinnerte es sich an das, was seine Grossmutter gesagt hatte, und auf einmal war es froh, weil es sich nicht mehr verlassen fühlte. Es arbeitete wieder, verkaufte seine Spinnwaren auf dem Markt und befolgte stets den Rat seiner Grossmutter. Später, viel später, war es auch in der Welt nicht mehr allein, denn es heiratete einen tüchtigen Müller. Da bedankte sich das Mädchen bei seiner Grossmutter, dass sie es nie allein gelassen hatte, und es wusste wohl, dass, obgleich es nun Gesellschaft hatte, sein Schutzengel es bis zu seinem Tod nicht mehr verlassen würde.

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